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Erwartung

Vierteilige Bildserie

Es ist der Begriff der Erwartung, der in der vierteiligen Bildeserie die Grundhaltung einnimmt. Die Erwartung wird dabei in immer unterschiedlichen Formen dargestellt wird: Als eine Vergangene, Zukünftige, Immerwährende und auch stets eine zeitlich gemischt Erfahrene.
Durch die Erwartungshaltung wird eine Geschichte im Bild erzählt, die über die Zeit des abgebildeten Moments hinausgeht, und die vom Betrachter eine Vorstellung von möglichen, im Bildinhalt nicht sichtbaren, Beziehungsgeflechten erfordert. Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit können sich durch das Betrachten und durch die darin enthaltene Antizipation einer Situation vermischen und aufheben.

Die Serie ist gekennzeichnet von realistischer Darstellung, die durch abstrakte Bildelementen durchbrochen oder ergänzt wird.
Den abstrakten Bausteinen kommt dabei die narrative Eigenschaft zu, nicht darstellbare Zeitkoordinaten und Relationen anzudeuten.

 
Peter, Evelyn und der Tod | 1999 | Ölkreide und Acryl auf Papier, 47x83 cm
Das Erkennen von nachträglichen Erwartungen nach einem Zufall

Beinahe wäre ein schwerer Autounfall passiert. Der von hinten kommende PKW ist um Haaresbreite an dem auf die Strasse biegenden Auto vorbeigeschnellt.
Die Szenerie des "Möglich-Gewesenen" ist am linken Bildrand abstrahiert dargestellt, im Rückspiegel nahezu traumatisch wiederholt. Die Atmosphäre desselben schwebt wie ein unsichtbarer Schatten zwischen den Figuren, zwischen dem Aussenraum und dem Innenraum des Autos.
Die Unbefangenheit in einem vergangenen Moment, in dem plötzlich mit Schrecken der Hauch des vorbeistreifenden Todes zu spüren war, muss in der Gegenwart mit dem Gefühl bezahlt werden, dass trotz ihrer Unversehrtheit alle betroffenen Personen Halbtote, Geister, sind.

Unweigerlich geschieht ein Rückblick auf eine mögliche Erwartung inmitten des vergangenen Augenblicks. Diese Erwartung wird erst in der Erinnerung und gerade durch ihr Unterlassen zu einer möglichen Erwartung.

Mutter | 2000 | Ölkreide und Acryl auf Papier, 46x83 cm
Die Erwartung auf die drängende Zukunft
durch die Bezugnahme auf die mächtige Vergangenheit

Ein junges Mädchen voller Lebensgier auf der Rückbank eines Autos.
Die Szene ist seltsam leer, perspektivisch verzerrt, und strahlt große Einsamkeit aus. Trotz der Verlassenheit spürt man gleichzeitig die unbändige Freiheit des einsamen Menschen. Als ob die Figur selbst bereits all den Schmerz und die Verletzungen ahnt, die da draußen warten, und mit denen sie den Triumph der Freiheit bezahlen muss.
Und trotzdem kann sie nichts halten.
Sie blickt durch die Heckscheibe zurück, um den Weg zu sehen, den sie endlich zurückgelegt hat, und den sie in diesem Auto weiter und weiter verlassen wird, ganz egal wer der Fahrer ist, und wohin er auch immer in der Nacht mit ihr fahren wird.

In "Mutter" ist die Erwartung eine Zwischenstufe, ein Blick nach vorne, der zurück spricht.

Die Halbschwester | 2000 | Ölkreide auf Papier, 46x83 cm
Die zwanghafte Erwartung einer zufälligen, aber unausweichbaren Beziehung

Man kann sich seine Familienmitglieder nicht aussuchen.
So finden sich viele Menschen oft in Beziehungsstrukturen wieder, die ihnen Zeit ihres Lebens mit übermächtiger Unausweichlichkeit auferlegt scheinen.
Man mag sich dabei – über die Bedeutung des eigenen Willens hinausgehend – die Frage stellen, was man aus einem immerwährenden Resultat des Zufalls letztendlich machen soll.
Die gegenseitige verwandtschaftliche Abhängigkeit wird in dem Bild durch die typische, wolkenartige Hintergrundtapete eines auf Familienportraits spezialisierten Fotostudios unterstrichen.
Was verbindet Verwandte eigentlich – wenn man einmal ganz von der Gewohnheit der familiären Zusammengehörigkeit absieht?Und was unterscheidet die Beziehungsmuster von jenen, in denen man sich die Menschen, mit denen man verkehrt, selber aussuchen kann? Und aber auch umgekehrt: Was ist es denn nun, dass das Individuum so bedeutsam machen soll?
An den zwei abgebildeten Personen lässt sich so überhaupt keine Verbindung ausmachen.
Trotzdem verbindet sie unleugbar einiges: Eine gegenseitige Inbesitznahme, die – im Sujet überspitzt formulierte – Hälfte vom gleichen Erbmaterial, und eventuell eine halb miteinander durchlebte Kindheit.

Die Kühe Silke und Wichtl kämpfend | 2000 | Ölkreide und Acryl auf Papier, 47x83 cm
Die momentane, sich aufzwängende Erwartung bei Geschehnissen, die Erwartungshaltungen fordern, ohne daß man den Hintergrund je kennt

Beim Beobachten jeder Kampfszene drängt sich die Erwartungshaltung praktisch auf.
Man entscheidet instinktiv in Sekundenschnelle über den möglichen Verlierer und Gewinner.

Gerade bei Konflikten, von denen wir den Hintergrund nicht kennen – im Speziellen bei denen im Tierreich, bleibt der Auslöser oft komplett im Dunklen. Auch über den Ausgang kann man nur spekulieren. Doch die Wucht der ursprünglichen Gewalt fasziniert.
Wenn man das Bild genau betrachtet, sieht man, dass die Musterung des Kuhfells – anders als die Landschaft –, die detailgetreu mit Ölkreiden gemalt wurde, rein aus schwarzen und weißen Flächen besteht.
Der Kampf erhält durch die Gegensätzlichkeit der zwei Nicht-Farben eine zusätzliche Polarisierung. Außerdem erinnert das Muster stark an Luftbilder der Erde; Kontinente, die sich in geballter Kraft gegenüber stehen. An ihrem erbittertsten Punkt hingegen – nämlich den aufeinanderprallenden Köpfen der Kühe – verschwimmen diese durch die konsequente Flächenzeichnung zu einem nicht direkt auseinanderhaltbaren Ganzen; zu einer unteilbaren Welt.
Eine Allegorie für die hinter der Globalisierung versteckte, zwischenstaatliche Aggression.

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