Margit Nobis | Malerei - Medienkunst | Home | English Version
Medizin

Bildserie, die sich mit der Medizin, dem weitreichenden Apparat, der sie umgibt
und deren repräsentativen Instanzen auseinandersetzt.

It began in Afrika | 2008 | Ölkreide auf Papier, 91x139 cm
Die Wiege der Menschheit liegt in Afrika; Und der Anfang der Transplantationsmedizin auch.
1967 gelang Christiaan Barnard in Kapstadt die erste Herztransplantation am Menschen. Obwohl Amerika und Europa entwicklungstechnisch ebenso zu einer solchen medizinischen Leistung in der Lage gewesen wäre, fand dieser geschichtsträchtige und paradigmatische Schritt gerade deshalb in Südafrika statt, weil die anderen Staaten aus ethischen Gründen zögerten.
Auch heute meinen die einen, dass Fortschritt nur dann möglich ist, wenn man sich nicht einschränken muss - zum Beispiel aus ethischen Gründen. Die anderen halten dagegen, dass wir gerade aufgrund unserer hohen geistigen Entwicklungsstufe die Pflicht und auch überhaupt erst die Möglichkeit dazu haben, gewisse, von der Evolutionsbiologie abhängige Ausformungen bewusst zu unterbinden, und gerade dadurch die menschliche Entwicklung aktiv und fortschrittlich gestalten. Folglich entstehen ethische Erwartungshaltungen an die Gesellschaft, zum Beispiel die, dass eben nicht mehr nur "der Stärkere überleben darf", sondern kraft unserer Kontrolle eine brutale "natürliche Auslese" verhinderbar ist.

Gerade in der Humanmedizin und bei Tierversuchen stellt sich die ethische Frage oft dringlicher, als dies beispielsweise bei mindestens ebenso relevanten politischen oder ökonomischen Entscheidungen der Fall sein müsste; Unmittelbare Eingriffe in die Biologie alarmieren.
Immer wieder werden mit solchen Diskussionen auch die grundsätzliche Fragen um die Aktualität ethischer Diskurse aufgeworfen: Wo schlägt sich der Geist dabei selbst ein Schnippchen? Wo wähnt sich der Mensch edel, wo er eigentlich nur fortschrittsfeindlich und konservativ ist? Wo behindert sich Ethik selbst, und wo - im Gegensatz dazu - gefährdet blinder Ehrgeiz unmittelbar den Fortschritt? Welche Möglichkeiten für die Zukunft verhindern wir aber eben gerade dadurch, dass wir die Optimierung anstreben?
Die kosmetische Chirurgie scheint den Gesetzen der Evolution auf groteske Weise zuwiderzulaufen: Die gängige Entwicklungstheorie besagt, dass sich bestimmte Merkmale im Laufe der Zeit dadurch durchsetzen, dass sie in Bezug auf die Fortpflanzung "erfolgreich" sind. Sind also beispielsweise Stupsnasen überlebensstrategisch von Vorteil, so werden kurze Nasen vom jeweils anderen Geschlecht als sexuell besonders attraktiv angesehen, Sexualpartner mit diesen Merkmalen werden bevorzugt, und die kleinen Nasen setzen sich langfristig durch. Was aber nun, wenn sich in diesem System die Menschen mit langen Nasen - durch die kosmetische Chirurgie ermöglicht und durch modische Vorlieben im "Selbstverwirklichungsmilieu" legitimiert - ihre großen Nasen zu kleinen umoperieren lassen - und somit das instinktiven Reizen folgende Auswahlverfahren täuschen? Haben dann unsere Enkelkinder alle ganz lange, große Nasen, obwohl uns doch allen die kleinen Nasen gefallen, und wir ja auch solche kleine Nasen haben - unser Genmaterial aber nicht?
Inwieweit ist es demzufolge von evolutionstheoretischer Relevanz, wenn der "künstliche" Fortschritt menschlicher Optimierungsverfahren den "natürlichen" Fortschritt evolutionärer Veränderungsprozesse dergestalt verwirrt?

Was bedeuten verschiedene staatliche Gesetzgebungen in unterschiedlichen Nationen für die wissenschaftliche Weiterentwicklung? Welches Potential haben moralisch lockerer konstituierte Länder - nicht nur im Jahr 1967, sondern auch noch heute -, wenn es darum geht, gegenwärtig zweifelhafte Forschung zu betreiben? Gerade Schwellenländer sind meist hoch entwickelt, können sich aber den "Luxus der Moral" oft einfach nicht "leisten", und so können örtliche Auslagerungen sozusagen als Laboratorien wissenschaftlicher Grenzgänge dienen. Wo benützen wir andere Länder, um "zuhause" ethisch sauber zu bleiben, und trotzdem dem Bedürfnis nach Progressivität nachzugeben? Und wo werden uns unabhängig davon solche anderen, abweichenden Gesetzmäßigkeiten zur Horrorvision westlicher Wertvorstellung?

"It began in Afrika" zeigt einen eitlen und herrischen Affen, der menschliche Augen und eine menschliche Nase hat, die ihm offenbar chirurgisch verpflanzt worden sind. Der Schimpanse - ein Symbol für den Darwinismus und die mit dieser Erkenntnis verbundene Kränkung des menschlichen Narzissmus - gibt den ihm hofierenden Chirurgen Anweisungen, wo man weitere kosmetisch-chirurgische Eingriffe durchführen könnte.
Es begann in Afrika, wo "der Affe" in Millionen von Jahren zum Mensch wurde.
Und jetzt wird der Affe direkt von Menschenhand, von "Göttern in Weiß", transformiert. Den Chirurgen steht die Angst ins Gesicht geschrieben - wir schaudern vor den Geistern die wir riefen.
Der Affe repräsentiert jedoch auch die Evidenz unseres eigenen Willens - fernab vom Opfer-Diskurs. Wir sähen uns oft gerne als Opfer repressiver Gewalt von "oben", doch ist es vergleichsweise nicht die staatliche Vollmacht eines "Big Brothers" aus dem Roman "1984", der uns rund um die Uhr beobachtet, sondern wir sind es selbst, die sich freiwillig und eifrig in den Big-Brother Container begeben. Es befehligt uns auch niemand, unsere Nasen verkleinern zu lassen - dieser Wunsch kommt scheinbar aus uns selbst. Es sind indirekte Mechanismen, die uns zu solchen Handlungen treiben.

Somatom | 2008 | Acryl auf Leinwand, 80x110 cm
Der Arzt und der Architekt | 2005 | Ölkreide auf Papier, 55x76 cm
Wie geisterhaft scheinen die Schatten der Türen und baulichen Elemente im Verbindungsgang eines Krankenhauses. Das, was eben nicht auf dem Bild zu sehen ist, erweist sich als das thematisierte Objekt - das ungreifbare, totale Nichts.
Der Arzt und der Architekt treffen in diesem Korridor indirekt aufeinander: der eine in der täglichen Ausübung seiner Arbeit (Arzt), der andere durch die Auswirkung, durch das Produkt seiner Arbeit (Architekt) - zwei geschätzte, aber auch zwei oft überschätzte, als omnipotent fantasierte Berufsgruppen. Im einsamen, fensterlosen nächtlichen Spitalsgang wird das "Gewerbe", die "Geschaffenheit" menschlicher Errungenschaften und die stete Bemühung um Kontrolle allzu deutlich - und es dämmert eine Ahnung um die menschliche Ohnmacht. Die Szenerie wird zum Paradigma menschlicher Grenzen und zur Metapher für eine "abstrakte Stelle" als Instanz, die die Dinge indes "in Gang hält".
Keine Geburt | 2006 | Ölkreide auf Papier, 52x82 cm
"Keine Geburt" stellt auf den ersten Blick augenscheinlich die Situation kurz nach einer Geburt dar. Die Szene erhält jedoch einen anderen Kontext wenn man den Bildtitel liest und die veränderten Bedingungen im Bild bemerkt - denn der Säugling ist nicht zu sehen.
Was verbindet diese zwei in einer sehr intimen Situation dargestellten Menschen, wenn nicht die Geburt eines Kindes? Ist der Mann ein Arzt? Warum hat er Blut an den Fingern, wenn im Bild keine Geburt dargestellt ist?
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