Margit Nobis | Malerei - Medienkunst | Home | English Version
Realistische Phantasmen
Yacht I | 2008 | Acryl auf Leinwand, 180x220 cm
Indian in Love | 2008 | Acryl auf Leinwand, 190x125 cm
Jesus wird ans Kreuz geschlagen (Mel Gibson) | 2007 | Acryl auf MDF, 56x100 cm
Der Film "Die Passion Christi" ("The Passion of the Christ") von Mel Gibson ist, laut einer Umfrage des US-Magazins "Entertainment Weekly", der umstrittenste Film aller Zeiten; wohl nicht zuletzt deswegen, weil er ein zentrale Element der christlich-abendländischen Kultur neu aufrollt, und in einer Manifestation für sich vereinnahmt.
Jedes kulturelle Produkt ist ein Beitrag zur Werterhaltung und gleichzeitig zur Neuformierung einer Leitkultur - dabei agiert keine Kulturschmiede frei von ihren kulturellen Wurzeln. Am erfolgreichsten im transnationalen Kulturmarketing und global sicherlich am weitreichendsten sind die Blockbuster aus Hollywood. Die amerikanischen Mainstream-Filme besitzen, mehr als alle anderen Kulturprodukte, eine Autorität, Botschaften an die restlichen Welt und ihre hintersten Winkel zu vermitteln. Der inhärente Kulturimperialismus ist dabei besonders den Außenstehenden - also den Kulturfremden - offensichtlich: Das auf den ersten Blick höchst unreflektiert anmutende Selbstverständnis in Hollywoods Weltenkonstruktionen und den in ihnen herrschenden, eben westlichen, amerikanischen Gesetzen und Gesellschaftskriterien, durchzieht myzelartig das ganze arrangierte Werk, und reicht von der filmischen Sprache über alltagsrituelle Gesten der Figuren, bis hin zur christlich geprägten Grundhaltung und Moralkonstitution.
Diese Tendenz ist erstaunlicherweise in den für einen breiten globalen Markt konzipierten Drehbüchern kommerzieller Kinoproduktionen nicht moderater. Obwohl jene Filme mit starkem Blick auf den höchstmöglichen Konsens entstehen, damit das Ergebnis an den auch Kassen stimmt, ist der Film insgesamt nicht pluralistischer - im Gegenteil: gerade die Großproduktionen mit den höchsten Einspielergebnissen sind die widerlichst "Amerikanischten". Demgegenüber entwickelt der individuelle, kulturell divergent geprägte Zuseher im Laufe der Jahre ein "Gespür" für das allgegenwärtige Hollywood-Kino, und verinnerlicht unweigerlich auch die darin vorherrschenden westlichen Wertordnungen.

Nun greift sich in der "Passion Christi" ein in seinen Rollen oft als "amerikanisches Idol" auftretender Schauspieler und Filmemacher das Thema des Leidensweg Christi heraus. Auch wenn er dieses Mal nicht die Hauptfigur mimt: Mel Gibson strahlt doch übermächtig und unwegdenkbar durch den blassen, transparenten Jesus-Darsteller hindurch. Fast scheint es, als hätte sich der "All American Hero" vom Märtyrer ("Braveheart", "The Patriot") zum Gottvater selbst verwandelt - in einer grotesk-hollywoodschen Dreifaltigkeit, bei der der heilige Geist das christlich-fundamentalistische Amerika sein könnte, und Mel Gibson der schaffende Gott, der seinen Sohn (seine Filmproduktion) auf die Erde herabschickt.

Der Anti-Amerikanismus ist seit George W. Bush wieder salonfähig geworden. Und es waren vor allem auch amerikanische Filmproduktionen, die diesem kritischen Diskurs ein Fundament geboten haben - man denke etwa an die Kinoproduktionen von Michael Moore. Es scheint, als hätte heute - trotz "Web 2.0" - immer noch der Kinofilm die Macht, die universelle Freikarte zur Kritik an einer Nation auszustellen, und so etwas wie ein "übernationales Zusammenrücken" durch Amerika-Antipathie zu generieren. Etwas indirekter, aber doch nicht weniger deutlich als der Dokumentarfilm bringt auch der Spielfilm die Aversion gegen den kulturimperialistischen "Hollywood-Zeigefinger" zum Ausdruck - der Film bekämpft letztlich dessen inhärente Programmatik mit dem selben Medium, mit den eigenen Waffen. Die erstaunliche Fama, dass der dänische Filmemacher Lars von Trier noch nie in Amerika war, und trotzdem eine sehr kritische Amerika-Trilogie vorgelegt hat, zeugt von der Relevanz, die bestehende Kulturproduktion als nationalkonstitutive Message für andere Kulturschaffende, aber auch für jeden andersstaatlichen Bürger hat. An genau diesem Punkt hakt mein Bild "Jesus wird ans Kreuz geschlagen" ein. Dem Gemälde diente ein Standbild aus dem Film "Die Passion Christi" als Vorlage - das Bild ist der erste Teil einer Passions-Serie: alle Kreuzwegstationen, die traditionell als 14-teilige Bildserien in den Kirchen dargestellt sind, haben hier Filmstills der "Passion Christi" als Grundlage.

Für eine künstlerische Arbeit braucht es nicht die originäre "Wirklichkeitsbetrachtung", es genügt, bzw. es eröffnet vielmehr ganz neue und weitere Konstellationen künstlerischen Ausdrucks, wenn man eben nicht aus der "reinen" Betrachtung der Realität Gehalt schöpft, sondern den Gehalt aus einer bereits konstruierten Wirklichkeit zieht - sei dies nun ein Weblog, ein Roman, die Bibel (vgl. dazu die "bibeltreue" Emphase der "Passion Christi") - oder eben ein Spielfilm. Oft gelingt durch die Annahme der Selbstverständlichkeit eines solchen Mittlers ein viel präziseres Sichtbarmachen versteckter Dynamiken und unheimlich-latenter Sachverhalte, die tatsächlich spürbare Realität sind, aber durch direkte Beobachtungen der "realen" Umstände nicht greifbar gemacht werden können. Indem man bereits bestehendes, künstlerisches (oder auch kreativ-kommerzielles) Material in ein anderes Medium transferiert, kann ein völlig neuer Gedankenprozess und eine einzigartige, neue Bedeutung entstehen. Diese Methode folgt nicht ganz dem "Found-Footage"-Gedanken, da der Künstler sich bei dieser geläufigen Praktik an Materialien bedient, die keinen unmittelbaren künstlerischen Anspruch haben, und die erst in seiner Produktion kreativ neu kontextualisiert werden.

Was meint Mel Gibson, respektive was teilt er mit, wenn er zu seinem Film anmerkt: "Ohne Zweifel hätte es auch gereicht, wenn Gott ein paar Tropfen Blut weniger vergossen hätte. Aber er hat sich entschieden, diesen Weg zu gehen, um uns etwas zu verdeutlichen". Was verdeutlicht Mel Gibson uns, wenn er in seinem Jesusfilm das Blut fließen lässt? Diente "Die Passion Christi" (Produktionsjahr 2003) Gibson - damals bekannter Bush-Anhänger - als eine Art Rechtfertigung für das harte Durchgreifen von George W. Bush, der trotz der Kritik am Krieg in Afghanistan auch noch in den Irakkrieg (2003) gezogen ist? Und warum kritisiert Gibson dann im Zuge seiner nachfolgenden Kinoproduktion "Apocalypto" (2006) den Irakkrieg? Warum hatte er anfangs vor, mit seiner Produktionsfirma den stark US-kritischen Film "Fahrenheit 9/11" (Michael Moore) mitzufinanzieren, dies jedoch wieder abgesagt? "Die Passion Christi" entsteht gerade zu einer Zeit, in der sich die abendländische Kultur durch die zu Fall gebrachten Worldtrade-Center-Türme sprichwörtlich "kastriert" fühlte, und das vermeintlich liberale Christentum dem aggressiv-radikalen Islam wenig Schlagkräftiges entgegenzusetzen hatte. Diente Mel Gibsons drastischer Passionsfilm auch dem Zweck, das religiöse Selbstbewusstsein der Christen wieder anzuheben, indem er einen intensiven, eindringlichen und radikalen Jesus zu zeigt?

Mel Gibson steht für das in sich gespaltene Individuum als Teil politischen Geschehens und einer sogenannten Konsensgesellschaft: ambivalent, und doch dem klaren Wunsch, ja Gibsons eigener Aussagen nach "dem Drang folgend", diesen Film über den sich selbst opfernden Christus zu machen. Von dieser Ambivalenz ist auch Mel Gibsons Jesusfigur in meinem Gemälde "Jesus wird ans Kreuz geschlagen" gezeichnet: Sein Blick scheint all die Widersprüchlichkeiten im Opferungsakt auszudrücken. Es ist Verunsicherung, und gleichermaßen ein Gefühl von Gnade, dass den christlich geprägten Betrachter durchfluten mag, wenn er Christus sieht, der auf seine Hand blickt, die gerade mit einem Nagel durchbohrt wird; Gottes Sohn, der seinen geschundenen Körper sieht, und dessen Augen es nicht leugnen können, dass er sich - möglicherweise zum ersten Mal - ganz elementar fragt, ob er selbst nicht doch einfach nur Mensch, und nicht Gott ist? In diesem Moment kann seine Mimik schwerlich mehr Verklärung aus den Schmerzen machen. War sein Weg wirklich richtig?
Die Erzählung vom Opfer Jesu kann gerade 2003 in diesem Zusammenhang als eine nahe Metapher ausgelegt werden, beispielsweise für den Einschnitt in das nationale Selbstbewusstsein der übermächtigen USA durch das Trauma "9/11", und die damit einhergehende Verunsicherung des gesamten Westens. Kann ein wahrhaftig leidensfähiger Christus, der nicht mehr genau weiß, ob es wirklich richtig ist, was er hier tut, was er vielmehr mit sich tun lässt, die Antwort sein? Die Unmittelbarkeit der eigenen Verletzlichkeit als Resonanz auf einen christlichen Fundamentalismus im nur scheinbar säkularisierten Westen, in welchem besonders die USA religiöse Grundsätze sehr wohl zum politischen Machtinstrument machten.

Welche symbolische Rolle kommt dabei der Passivität als der eigentlichen Macht Jesu zu - basiert doch die christliche Glaubenslehre auf der Erlösung durch den Akt des freiwilligen Opfers. Die vielschichtigen und ambigen Anteile in der Lehre und im Handeln Jesu Christi einerseits, und in der öffentlichen Figur Mel Gibson und seinem Ouvre andererseits, stehen exemplarisch für die Substanz und den Belang einer schichtweisen, diffizilen künstlerische Überarbeitung von Religion, Politik, einer Geschichte, eines Film und eines Werks.

 

margitnobis_at_gmx.at | Home | English Version