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Der
Film "Die Passion Christi" ("The Passion of the Christ")
von Mel Gibson ist, laut einer Umfrage des US-Magazins "Entertainment
Weekly", der umstrittenste Film aller Zeiten; wohl nicht zuletzt
deswegen, weil er ein zentrale Element der christlich-abendländischen
Kultur neu aufrollt, und in einer Manifestation für sich vereinnahmt.
Jedes kulturelle Produkt ist ein Beitrag zur Werterhaltung und gleichzeitig
zur Neuformierung einer Leitkultur - dabei agiert keine Kulturschmiede
frei von ihren kulturellen Wurzeln. Am erfolgreichsten im transnationalen
Kulturmarketing und global sicherlich am weitreichendsten sind die
Blockbuster aus Hollywood. Die amerikanischen Mainstream-Filme besitzen,
mehr als alle anderen Kulturprodukte, eine Autorität, Botschaften
an die restlichen Welt und ihre hintersten Winkel zu vermitteln.
Der inhärente Kulturimperialismus ist dabei besonders den Außenstehenden
- also den Kulturfremden - offensichtlich: Das auf den ersten Blick
höchst unreflektiert anmutende Selbstverständnis in Hollywoods
Weltenkonstruktionen und den in ihnen herrschenden, eben westlichen,
amerikanischen Gesetzen und Gesellschaftskriterien, durchzieht
myzelartig das ganze arrangierte Werk, und reicht von der filmischen
Sprache über alltagsrituelle Gesten der Figuren, bis hin zur
christlich geprägten Grundhaltung und Moralkonstitution.
Diese Tendenz ist erstaunlicherweise in den für einen breiten
globalen Markt konzipierten Drehbüchern kommerzieller Kinoproduktionen
nicht moderater. Obwohl jene Filme mit starkem Blick auf den höchstmöglichen
Konsens entstehen, damit das Ergebnis an den auch Kassen stimmt,
ist der Film insgesamt nicht pluralistischer - im Gegenteil: gerade
die Großproduktionen mit den höchsten Einspielergebnissen
sind die widerlichst "Amerikanischten". Demgegenüber
entwickelt der individuelle, kulturell divergent geprägte Zuseher
im Laufe der Jahre ein "Gespür" für das allgegenwärtige
Hollywood-Kino, und verinnerlicht unweigerlich auch die darin vorherrschenden
westlichen Wertordnungen.
Nun greift sich in der "Passion Christi" ein in seinen
Rollen oft als "amerikanisches Idol" auftretender Schauspieler
und Filmemacher das Thema des Leidensweg Christi heraus. Auch wenn
er dieses Mal nicht die Hauptfigur mimt: Mel Gibson strahlt doch
übermächtig und unwegdenkbar durch den blassen, transparenten
Jesus-Darsteller hindurch. Fast scheint es, als hätte sich
der "All American Hero" vom Märtyrer ("Braveheart",
"The Patriot") zum Gottvater selbst verwandelt - in einer
grotesk-hollywoodschen Dreifaltigkeit, bei der der heilige Geist
das christlich-fundamentalistische Amerika sein könnte, und
Mel Gibson der schaffende Gott, der seinen Sohn (seine Filmproduktion)
auf die Erde herabschickt.
Der Anti-Amerikanismus ist seit George W. Bush wieder salonfähig
geworden. Und es waren vor allem auch amerikanische Filmproduktionen,
die diesem kritischen Diskurs ein Fundament geboten haben - man
denke etwa an die Kinoproduktionen von Michael Moore. Es scheint,
als hätte heute - trotz "Web 2.0" - immer noch der
Kinofilm die Macht, die universelle Freikarte zur Kritik an einer
Nation auszustellen, und so etwas wie ein "übernationales
Zusammenrücken" durch Amerika-Antipathie zu generieren.
Etwas indirekter, aber doch nicht weniger deutlich als der Dokumentarfilm
bringt auch der Spielfilm die Aversion gegen den kulturimperialistischen
"Hollywood-Zeigefinger" zum Ausdruck - der Film bekämpft
letztlich dessen inhärente Programmatik mit dem selben Medium,
mit den eigenen Waffen. Die erstaunliche Fama, dass der dänische
Filmemacher Lars von Trier noch nie in Amerika war, und trotzdem
eine sehr kritische Amerika-Trilogie vorgelegt hat, zeugt von der
Relevanz, die bestehende Kulturproduktion als nationalkonstitutive
Message für andere Kulturschaffende, aber auch für
jeden andersstaatlichen Bürger hat. An genau diesem Punkt hakt
mein Bild "Jesus wird ans Kreuz geschlagen" ein. Dem Gemälde
diente ein Standbild aus dem Film "Die Passion Christi"
als Vorlage - das Bild ist der erste Teil einer Passions-Serie:
alle Kreuzwegstationen, die traditionell als 14-teilige Bildserien
in den Kirchen dargestellt sind, haben hier Filmstills der "Passion
Christi" als Grundlage.
Für eine künstlerische Arbeit braucht es nicht die originäre
"Wirklichkeitsbetrachtung", es genügt, bzw. es eröffnet
vielmehr ganz neue und weitere Konstellationen künstlerischen
Ausdrucks, wenn man eben nicht aus der "reinen" Betrachtung
der Realität Gehalt schöpft, sondern den Gehalt aus einer
bereits konstruierten Wirklichkeit zieht - sei dies nun ein Weblog,
ein Roman, die Bibel (vgl. dazu die "bibeltreue" Emphase
der "Passion Christi") - oder eben ein Spielfilm. Oft
gelingt durch die Annahme der Selbstverständlichkeit eines
solchen Mittlers ein viel präziseres Sichtbarmachen versteckter
Dynamiken und unheimlich-latenter Sachverhalte, die tatsächlich
spürbare Realität sind, aber durch direkte Beobachtungen
der "realen" Umstände nicht greifbar gemacht werden
können. Indem man bereits bestehendes, künstlerisches
(oder auch kreativ-kommerzielles) Material in ein anderes Medium
transferiert, kann ein völlig neuer Gedankenprozess und eine
einzigartige, neue Bedeutung entstehen. Diese Methode folgt nicht
ganz dem "Found-Footage"-Gedanken, da der Künstler
sich bei dieser geläufigen Praktik an Materialien bedient,
die keinen unmittelbaren künstlerischen Anspruch haben, und
die erst in seiner Produktion kreativ neu kontextualisiert werden.
Was meint Mel Gibson, respektive was teilt er mit, wenn er
zu seinem Film anmerkt: "Ohne Zweifel hätte es auch gereicht,
wenn Gott ein paar Tropfen Blut weniger vergossen hätte. Aber
er hat sich entschieden, diesen Weg zu gehen, um uns etwas zu verdeutlichen".
Was verdeutlicht Mel Gibson uns, wenn er in seinem Jesusfilm das
Blut fließen lässt? Diente "Die Passion Christi"
(Produktionsjahr 2003) Gibson - damals bekannter Bush-Anhänger
- als eine Art Rechtfertigung für das harte Durchgreifen von
George W. Bush, der trotz der Kritik am Krieg in Afghanistan auch
noch in den Irakkrieg (2003) gezogen ist? Und warum kritisiert Gibson
dann im Zuge seiner nachfolgenden Kinoproduktion "Apocalypto"
(2006) den Irakkrieg? Warum hatte er anfangs vor, mit seiner Produktionsfirma
den stark US-kritischen Film "Fahrenheit 9/11" (Michael
Moore) mitzufinanzieren, dies jedoch wieder abgesagt? "Die
Passion Christi" entsteht gerade zu einer Zeit, in der sich
die abendländische Kultur durch die zu Fall gebrachten Worldtrade-Center-Türme
sprichwörtlich "kastriert" fühlte, und das vermeintlich
liberale Christentum dem aggressiv-radikalen Islam wenig Schlagkräftiges
entgegenzusetzen hatte. Diente Mel Gibsons drastischer Passionsfilm
auch dem Zweck, das religiöse Selbstbewusstsein der Christen
wieder anzuheben, indem er einen intensiven, eindringlichen und
radikalen Jesus zu zeigt?
Mel Gibson steht für das in sich gespaltene Individuum als
Teil politischen Geschehens und einer sogenannten Konsensgesellschaft:
ambivalent, und doch dem klaren Wunsch, ja Gibsons eigener Aussagen
nach "dem Drang folgend", diesen Film über den sich
selbst opfernden Christus zu machen. Von dieser Ambivalenz ist auch
Mel Gibsons Jesusfigur in meinem Gemälde "Jesus wird ans
Kreuz geschlagen" gezeichnet: Sein Blick scheint all die Widersprüchlichkeiten
im Opferungsakt auszudrücken. Es ist Verunsicherung, und gleichermaßen
ein Gefühl von Gnade, dass den christlich geprägten Betrachter
durchfluten mag, wenn er Christus sieht, der auf seine Hand blickt,
die gerade mit einem Nagel durchbohrt wird; Gottes Sohn, der seinen
geschundenen Körper sieht, und dessen Augen es nicht leugnen
können, dass er sich - möglicherweise zum ersten Mal -
ganz elementar fragt, ob er selbst nicht doch einfach nur Mensch,
und nicht Gott ist? In diesem Moment kann seine Mimik schwerlich
mehr Verklärung aus den Schmerzen machen. War sein Weg wirklich
richtig?
Die Erzählung vom Opfer Jesu kann gerade 2003 in diesem Zusammenhang
als eine nahe Metapher ausgelegt werden, beispielsweise für
den Einschnitt in das nationale Selbstbewusstsein der übermächtigen
USA durch das Trauma "9/11", und die damit einhergehende
Verunsicherung des gesamten Westens. Kann ein wahrhaftig leidensfähiger
Christus, der nicht mehr genau weiß, ob es wirklich richtig
ist, was er hier tut, was er vielmehr mit sich tun lässt,
die Antwort sein? Die Unmittelbarkeit der eigenen Verletzlichkeit
als Resonanz auf einen christlichen Fundamentalismus im nur scheinbar
säkularisierten Westen, in welchem besonders die USA religiöse
Grundsätze sehr wohl zum politischen Machtinstrument machten.
Welche symbolische Rolle kommt dabei der Passivität als der
eigentlichen Macht Jesu zu - basiert doch die christliche Glaubenslehre
auf der Erlösung durch den Akt des freiwilligen Opfers. Die
vielschichtigen und ambigen Anteile in der Lehre und im Handeln
Jesu Christi einerseits, und in der öffentlichen Figur Mel
Gibson und seinem Ouvre andererseits, stehen exemplarisch für
die Substanz und den Belang einer schichtweisen, diffizilen künstlerische
Überarbeitung von Religion, Politik, einer Geschichte, eines
Film und eines Werks.
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